Auszug aus der Kerbechronik


Auszug aus der Kerbechronik von 1945 (Helmut Keller)

Kerb 1945

Nach 6-jähriger Unterbrechung wurde dieses Jahr zum erstenmal wieder Kerb gefeiert. Da die Turnhalle noch nicht instandgesetzt war und auch der Saal im Gasthaus zur Sonne nicht frei war, mussten wir bei Nerlich im Kolleg unsere Kerb halten.
Auf dem Sonntag, wo mir die Kerb halten wollten, hatten wir leider noch nichts zu trinken, so mussten wir die Kerb auf den nächsten Sonntag verlegen, da hatte uns Nerlich nämlich Wein versprochen! So trafen wir unsere ersten Vorbereitungen für den Sonntag. Wir wählten unseren Kerbevatter und zwar Heinz Völker. Dann sorgten wir für einen Kerbebaum und der wurde am Samstagnachmittag geholt.
Dann kam der Samstagabend und die Borscherei sollte beginnen, aber leider fehlte uns noch der versprochene Wein und trotzdem hatte Nerlich sein Versprechen gehalten, in der letzten Minute kam der Wein an.
Jetzt mussten alle noch Nicht - Geborschten in die Wirtschaft und im Kolleg wurden die Vorbereitungen getroffen. Aber als die ersten fünf an die Reihe kamen, wurde es den andern doch etwas unwohl.
Erich Hahl bekannt aus früheren Zeiten musste den Pfarrer machen und so ging die Sache sehr schnell zu Ende und es konnte getanzt werden. Schar Freund spielte dann noch bis 2 Uhr, dann feierte man noch bis zum Morgen durch. Am Sonntag verlief die Kerb nicht wie früher mit Umzug, sondern mit Tanz beim Nerlich ganz gut. Am Montag wiederum nur mit Tanz beim Nerlich und am folgenden Sonntag feierten wir dann noch Nachkerb.

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Auszug aus der Kerbechronik von 1946 (Helmut Keller)

2. Kerbegesellschaft in Langenhain

Kerwesamstag wurden dann zwei Bäume geholt und aufgestellt. Inzwischen hatte sich auch eine zweite Kerwegesellschaft gegründet; und zwar war die entstanden durch eine alte Herrenmannschaft und von denen durften wir uns nicht unterkriegen lassen und alles mußte auf dem Damm sein. Die 2. Kerbegesellschaft hatte sich aus Kriegsheimkehrern gegründet.

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Die Mitglieder wären in den Kerbelosen Jahren von 1938 bis 1944 sicher Kerbeborsch geworden. Sie wollten also nicht mit den aktuellen Jahrgängen der Kerb 1945 in der Turnhalle zusammen feiern und so hielten sie "ihre Kerb" im Gasthaus zur Sonne.

Auszug aus der Kerbechronik von 1948 (Karlheinz Müller)

Gründung der Kerbegesellschaft

Am 10.07.1948 um 22.15 Uhr eröffnete der letztjährige Kerbevatter die Versammlung. Es waren 28 Kerbeborsch anwesend. Wir begannen mit der Wahl des Kerbevatters. Es wurde Werner Völker vorgschlagen. Wir schritten dann zur Wahl: Werner Völker erhielt 14 Stimmen und wurde somit Kerbevatter. Es folgten Heini Göbel mit 5 Stimmen, Arnold Bohrmann mit 1 Stimme und 1 Stimmenthaltung.
Helmut Keller wurde einstimmig zum Kassierer gewählt, er nahm die Wahl an. Hierauf folgte die Wahl des Pfarres. Heini Göbel wurde einstimmig gewählt. Als Messdiener stehen ihm Gerhard Sturm und Heini Kleber zur Seite.
Als weitere Vorstandmitglieder wurden Arnold Bohrmann und Vinz Barwig bestimmt. Als Kassenprüfer kamen Paul Müller und Werner Backes in Frage.
Es wurde vorgeschlagen dieses Jahr 2 Jahrgänge ( 1930 und 1931) aufzunehmen. Hierüber wurde nun heftig diskutiert. Endlich einigten wir uns auf eine geheime Abstimmung. Das Ergebnis war: 14 Stimmen für nein und 10 für ja. Es wurden also nur der Jahrgang 1930 aufgenommen. Ferner wurde beschlossen, daß derjenige, der zu spät kommt 50 Pfennige bezahlen muß. Wer zu einer Versammlung überhaupt nicht kommt zahlt 1,- DM in die Kasse. Wer dreimal unentschuldigt fehlt wird aus der Kerbegesellschaft ausgeschlossen. Als Beitragsgeld wurden 10 DM vorgeschlagen und festgesetzt. Eine eventuelle Erhöhung des Beitrages wurde vorbehalten. Das Trinken, das beim Borschen verbraucht wird, wird von den Geborschten selbst bezahlt. Das Trinken auf der Kerb hat jeder selbst zu bezahlen.
All diese Beschlüsse wurden heftig diskutiert. Ausserdem muß jeder Kerbeborsch 20 Pfund Äpfel abgeben, die in Form von Apfelwein an die Musik beim Umzug ausgegeben wird. Um 23.17 Uhr ging es in den gemütlichen Teil über. Seit 2 Jahren war das 1. Mal wieder Apfelwein in der Wirtschaft "Zur Rose" zu haben.
Jeder soff nun solang er konnte und um 1 Uhr gingen die letzten mit schwerer Schlagseite nach Hause.

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Kerbeumzug 1948 in der "Waller Gass"

Abschrift der Predigt zum heiligen Akt des Borschens, anlässlich der Kerb 1948, (von Heini G.)

Liebe Gemeinde!

Wir hören zuerst das Wort des heiligen Sacramento:

Selig sind, die da saufen, auf dass sie nicht mehr wissen, was sie tun. Selig sind auch die, die da vögeln, was Haare am Bauch hat, bis ihnen der Schwanz nicht mehr steht - Amen.

Liebe Gemeinde!

Schon seit vielen Jahrhunderten hat sich das schönste Familienfest, die Kerb, von Geschlecht zu Geschlecht vererbt. Wir sind heute in dieser heiligen Halle wieder zusammengekommen, um ehrfurchtsvoll Zeugnis vor dem Herrn abzulegen und von der Standhaftigkeit unserer Gesinnung als Kerweborsch, die wir die Träger der Kerb sind und treu an dem altbekannten Schlachtruf " und es wird doch gesoffen " festzuhalten. Gleichzeitig wollen wir wieder drei neue Unschuldslämmer in unsere fromme Gemeinde aufnehmen.

Wie ihr ja alle wisst, wurde in Langenhain im Jahre des Heils anno 1948 lt. Frankfurter Rundschau die Kerb bereits unter fröhlichem Umzug der Kerweborsch am vergangenen Sonntag, dem 20. Sonntag nach dem heiligen Pfingstfest, festlich unter dem Motto "Essen und Trinken in Friedensqualität" begangen.
Unser Herr, der heilige Gambrinus rief und alle, alle kamen. Ein jeder von uns hat die feierliche Taufe schon erhalten. So hat der Herr auch euch gerufen und ihr seid gefolgt mitzuhelfen, den Alkohol, wo es auch sei, zu vertilgen und um den Sturm bestehen zu können, wenn das Weib euch zu Leibe kommt. Ihr sollt zeigen, dass ihr würdig seid allen Stürmen zu trotzen, heute und in alle Ewigkeit. Und so vernehmt denn das heilige Wort der Zunft, wie es geschrieben steht im 9347 Kapitel, Vers 611, so es weiter geschrieben steht in der allerhintersten Rockfalte eines steinalten Weibes! Hokus, pokus, dominus exius, pansius, pilatus delikter. Huchem, Flörschem, Weilbach, Wicker, dünne Spätz und dicke Klicker.

Nun ergreift das erste Glas und trinket, damit ihr das Fest der heiligen Taufe besteht und damit ihr echte Kerweburschen werdet.

Saufio pero exius trinkio glasio aussio exius.

Nehmt das zweite Glas und bekennt Euch zu unseren Kerwefarben. Trinkt es darum aus, damit ihr besteht, wenn euch das Weib mit klaffender Bunse zu Leibe geht.
(Sünden bekennen, 1 Glas austrinken)

Nehmet nunmehr das nächste Glas. Von altersher war es schon Sitte, dass stets der Mann das Weibe ritte. Dieses mit Sauferei verbunden, hat schon von Adam bis zur heutigen Zeit Anklang gefunden.
(Sünden bekennen -- 1 Glas vor, 1 Glas danach)

Nun nehmet das nächste Glas und trinket es aus. Die jungen Inder und Germanen, sowie Chinesen und Bramahnen haben es von jeher so gehalten, soffen und vögelten wie die Alten.

Auf das ihr so werdet, so nehmet das nächste Glas und saufet exius pilatus. Drum gebt acht bei dem Gerammel und Gestosse, denn es spritzt so leicht die Sosse, dann ist es aus mit dem Denken und bleibt der Schwanz so lang drin hängen.

Ergreift das nächste Glas. Wahrlich, wahrlich das ist ein alter Brauch, so Bauch an Bauch, himmlisches Gefühl, 4 Arschbacken an einem Stiel.
(Sünden bekennen - 1 Glas)

Als echte Langenhainer Kerweborschen seid auf Draht, seid die ganze Kerb über gut in Fahrt und seid neben Saufen darauf bedacht, dass ihr auf Kerb mindestens 17 Nummern macht.

Und nun erhebet die rechte Hand zum Schwur und sprecht mir nach: Ich schwöre bei Gott Gambrinus und Bachus diesen heiligen Eid, treu zur Fahne zu stehen und den Anordnungen des Kerwevaters stets Folge zu leisten. Beim Saufen und Knorzen meinen Mann zu stehen, meinen Pflichten als Kerweborsch stets nachzukommen, mich gut in die Kerwegesellschaft einzufügen und ihr immer mit Rat und Tat zur Seite zu stehen in Fröhlichkeit, ..... ? ....., Herrlichkeit bis in alle Ewigkeit

Amen.

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Diese jungen Burschen erhielten die oben Beschriebene Weihe

Anekdötchen am Rande:

Raubzüge

Auch in anderen Gefilden waren unsere Langenhainer nicht auf den Kopf gefallen. Der Heinz K. hat damals seine Freundin und spätere Frau nach Breckenheim heimgebracht. Auf dem Rückweg kam er an einem Feld vorbei, wo ein Bauer Dickworz ausmachte. Seine Kuh hatte er an den Baum nebenan gebunden.. Unser Langenhainer Kerbeborsch hat nicht lange gefackelt und nahm kurzerhand die Kuh mit. Dem Bauer gefiel das überhaupt nicht, und kam dem Burschen laut schreiend mit der Peitsche hinterher. Der Heinz gab also schweren Herzens seine "Beute" wieder frei und nahm die Beine in die Hand.

Proviant

Die erste Kerb nach dem Krieg fand 1945 im Gasthof "Zum grünen Wald" statt. Da die Vorräte und vieles mehr noch verdammt knapp waren, musste man oft weite und beschwerliche Wege zurücklegen um an das Gewünschte heranzukommen. So fuhr der Wirt Willi Nerlich am Kerbesamstag mit dem LKW nach Mainz zu einem ihm bekannten Winzer. Auf dem Rückweg wurde der Wirt auf der Rheinbrücke angehalten. Man befand sich ja in einer anderen Besatzungszone. Trotzdem hatten die franz. Soldaten wohl ein Herz für die Langenhainer und der Schmuggler kehrte zwar spät, aber doch mit dem Wein zum Kerbetanz wieder heim.

Überhaupt war der Wein in Langenhain sehr beliebt

Einige Kerbeborsch rauften sich zusammen und machten 4 m Holz im Wald. Holz war damals sehr begehrt und stand hoch im Tauschkurs. Das machten sich die Burschen zu Nutze und schickten zwei ihrer Leute zu Pferde los, um das Holz in Hochheim gegen Wein zu tauschen. Gott sei Dank wussten die Pferde den Heimweg, denn die Kerbeborsch hatten schon die Hälfte des getauschten Weins auf dem langen Nachhauseweg getrunken.

Apfelwein

Nun, wie wir wissen, schmeckt den Langenhainern der Apfelwein ja noch viel besser. Um an das beliebte "Stöffche" zu kommen, nahmen die Kerbeborsch auch lange Wege auf sich um den wichtigen Rohstoff aufzutreiben, nämlich Äpfel zum keltern. Nach langer Rundfahrt wurde man endlich in Auringen fündig; an den Bäumen dort hingen noch welche. So parkte man unsachgemäß aber durchaus sehr praktisch mit der hinteren Stoßstange eines Pritschen-LKW's an dem Stamm des jeweiligen Baumes und erntete so ca. 15 Zentner bester Kelteräpfel ab. Die Arbeit wurde beschleunigt, indem man immer wieder etwas unsanft gegen den Baum fuhr und somit viele Äpfel von selbst auf die Pritsche fielen. Auf diese Weise kam man recht günstig weg.

Auszug aus der Kerbechronik 1950 (Josef Obst)

Goldene Kerb 1950

1. Kerbeborschversammlung

Am 29.7.1950 wurde wieder nach einem langen Jahr die erste Kerbeborschversammlung bei H. Schneider einberufen. Beginn der Versammlung war um 21.45 Uhr. Als erstes begannen wir mit der Neuaufnahme des Jahrgangs 1932. Darauf folgte die Wahl des Kerbevaters. Es waren verschiedene Vorschläge gemacht worden, aber unser alter Kerbevater H. Wassum hatte wieder die meisten Stimmen erhalten.
Natürlich kostete es wieder ein Bembel. Außerdem nahm er seinen Posten ohne sich zu weigern gerne an. Dann kamen wir zu Punkt 2: Wahl von Kassierer und Schriftführer. Es wurden erneut Vorschläge gemacht. Egon Auth wurde zum Kassierer gewählt, er nahm gerne den Posten an. Als Schriftführer wurde auch wieder Josef Obst gewählt. Weiter ging es dann zu Punkt 3 (Pfarrer). Horst Völker, der es schon geahnt hatte, wurde als Pfarrer gewählt. Als Meßdiener stehen ihm bei Edgar Schmidt und Helmut Ambros zur Verfügung. Dann wurden noch zwei tüchtige Kassenprüfer gesucht. Es meldeten sich Heinz Auth und Karlheinz Müller. Zum Schluß legten wir noch unser Strafgesetz fest. Wer fehlt muß 1,00 DM zahlen, wer später in die Versammlung kommt muß 0,50 DM zahlen, Krankheit wird entschuldigt. Mit einem Kerbelied wurde die Versammlung um 22:15 Uhr geschlossen.

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Springer Josi 1948

Auszug aus der Kerbechronik von 1959 (Willi Kettenbach)

Kerbesamstag 29.9.1959

Fast pünktlich um 14.00 Uhr fuhren wir mit Schleppergebrauß in den Pfarrhag, um den Baum zu holen, auch der Bembel durfte dabei nicht fehlen. Als wir im Wald ankamen, hatten die Baumfäller den Baum schon umgelegt, aber auch der Äppelwoi, den sie mit hatten, hatte die drei umgelegt. Nun wurde der Baum nach kurzem hin und her aufgeladen und es ging mit "Hurra" durchs Dorf in die Turnhalle. Wie alljährlich war der Baum - die große Kleinigkeit - nicht so schnell aufgestellt, denn alle waren ja nicht mehr ganz nüchtern. Selbst der Schriftführer hatte sich etwas zu stark ans Äppelwoiglas gehängt und hatte beim Aufstellen des Baumes am Seil zu kämpfen, aber alles klappte doch ganz gut und der Baum stand wie noch kein Jahr.
Nun, nach getaner Arbeit stärkten wir uns noch. Noch einmal durchs Dorf, danach gingen alle nach Hause. Denn am Abend ist das große Borschen. Das Borschen ist halb so schlimm, der eine kotzt mehr der andere weniger. In diesem Jahr waren es etwas wenige Neulinge. Diejenigen die nicht zu den Kerweborsch gehen und Angst vor dem Borschen haben, das sind keine Burschen, sondern Mama-Milch-Bube, nicht zu verwechseln mit unserem Kerweborsch Werner Schneider, der "Milch" genannt wird, aber im Trinken von Alkohol eine große Kapazität ist.
Als alle geborscht waren, saßen wir noch lange beisammen und sangen und tranken bis jeder sein Maß hatte.

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...und sangen und tranken bis jeder sein Maß hatte

Auszug aus der Kerbechronik von 1960 (Otto Reich)

Eine Kerbeborschversammlung

Pünktlich um 9 Uhr eröffnete der Kerbevatter mit dem "Kerbeborsch..." die Versammlung. Zuerst wurde der geschäftliche Teil erledigt. Unklarheiten wurden besprochen und die Größen für die Kerbekappen gemessen
Da die Versammlung während der Sommerolympiade 1960 war, wollten wir Kerbeborsch uns auch micht lumpen lassen und so starteten wir einen Wettkampf im Schnellsaufen. Je sechs Mann mussten sich aufstellen und nach dem Startkommando des Kerbevatters so schnell wie möglich die Gläser leertrinken. Jeweils die drei Schnellsten kamen in den nächsten Wettbewerb, bis zuletzt sechs Mann um den Sieg tranken. Gewinner der Goldmedaille wurde unser Pfarrer vom Vorjahr, Hans Schneider.
Nach diesem harten Wettkampf hatten wir alle Durst bekommen und blieben, obwohl der Kerbevatter um 0.30 Uhr die Versammlung schon geschlossen hatte, noch bis spät in die Nacht beisammen.

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Kerbebosch im Jahr 1960

Zeitungsbericht Kerb 1968

Fröhliche Langenhainer Kerb

Hansi Praxl ist seit zwölf Jahren Kerbeborsch

Langenhain: Mit einem Umzug durch das Dorf feierte am Wochenende Langenhain seine Kirchweih, oder wie der Volksmund es nennt, seine Kerb.
In Langenhain wird dieses Fest noch nach alter Tradition gefeiert, was man von den meisten anderen Orten nicht mehr sagen kann. Doch auch die Kerb in Langenhain mußte mit der Zeit gehen. Denn, wo man früher Kerbewagen sah, die von geputzten Pferden gezogen wurden, sah man in diesem Jahr bunt -geschmückte Traktoren, die die Wagen mit den Figurengruppen zogen.
An der Stelle, an der früher der Gemeindeschäfer im Sonntagsornat und mit Schäferstab marschierte, führten Kerbeborschen in diesem Jahr einen Hammel. Doch wie schon zu Urgrossvater-Zeiten wurde der Zug von den sogenannten "Springern" eröffnet, den jungen Burschen, die zum erstenmal im Zug mitmarschieren. Einige von ihnen trugen "Bembel" oder Weinflaschen, aus den sie hin und wieder einem Zuschauer einen Schluck einschenkten. Es folgten Fahnenträger, Kürbisträger und eine Radfahrergruppe auf buntgeschmückten Fahrrädern.
Sozusagen der "Star" des Langenhainer Kerbeumzuges war Hansi Praxl , der in diesem Jahr zum zwölften Mal Kerbeborsch ist. Und so trug er auch eine Schleife mit der Aufschrift "Ehrenkerbevadder". Außerdem kündete einer der Festwagen seinen Ruhm mit der Aufschrift "Zwölf Jahre ist unser Hansi Kerbeborsch". Und als Beispiel für die Freude, mit der die Langenhainer ihre Kerb feiern, versprach ein Plakat:
"Wenn alle Stern vom Himmel falle, die Langenhainer Kerb wird doch gehalle."

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Der Ehrenkerbevater in seinem dritten Kerbevadderjahr 1964

Auszug Kerbechronik von 1972 (Andreas Hack)

Die Kerb

Am Freitag vor der Kerb in Langenhain, da wern die junge Borsch geeicht mit Äppelwoi. Schon mancher der vorher ein großes Maul, den holte der Parre vom hohen Gaul. Der fing dann komisch an zu lallen, zu torkeln und herumzufallen. Schon mancher hat sich nebern Stuhl gesetzt, in der Turnhall den Klohdeckel gefetzt, mitten aufs Serviertablett gekotzt und dann mim Kerbevatter rumgemotzt.

Als wir die Überreste der jungen Kerbeborsch nach Hause gebracht hatten, lief uns das erste Hinkel der Kerb in die Arme, daß sich zwei Tage später totgesoffen hatte.

Am Kerbesamstag warf unser Traktorfahrer Horst Vietzke beim Baumholen den Holzwagen um.

Der Kerbesonntag mit dem alljährlichen Umzug verlief ziemlich ruhig - bis auf einen Zwischenfall nach dem Weckruf um 4 Uhr morgens - bei dem die Kerbeborsch der Tanzkapelle aushelfen mußten. Als sich also nach dem Weckruf alles wieder in der Turnhalle versammelte zum großen "Quetschekuchenessen" und "Kaffeetrinken", stand der Kerbevatter auf und hängte einen vollständigen Quetschekuchen an den Garderobenständer.

Montags morgens wurde, wie jedes Jahr, ein Gickel geklaut und Eier gesammelt, die dann in der Turnhalle gegessen wurden. Nachmittags kamen viele Kerbeborsch zu spät zum Gickelschlag

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Gickelschlag 1972

Nach dem Tanzabend am Montag fehlte den Musikern die Posaune. Eine geliehene Pauke war in ihre Einzelteile zerfallen und wir statteten der Tante Emma um 3 Uhr morgens mit 25 Mann einen Besuch ab, wurden aber des Hauses verwiesen.

Auf den Weg zu den Aussiedlerhöfen setzten wir in der Nacht zum Dienstag einen riesigen Strohhaufen, der mit "gefundenen" Umleitungsschildern behängt wurde. Danach setzten wir 6 Hinkel in den Transportwagen der Firma Köhler. Die Hinkel haben alle Brotkörbe vollgeschissen.

Am Mittwoch Abend holten wir eine Kuh in die Gaststätte " Zur Sonne " und der Wirt trank ein Glas kuhwarme Milch.

Die Nachkerb verlief mit dem gleichen Trubel und die Langenhainer Bürger waren froh, als unsere gute, alte Kerb montags unter Tränenflüssen begraben wurde.

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Kürbistraöger Harald

Anekdote Kerbechronik, 1974 (Werner Völker)

Flitzer-Time in Langenhain - Teil 1

Am 4.Mai anno Domini 1974 ereignete sich ein noch nie dagewesenes Spektakulum in Langenhain. An jenem Sonntagabend trafen sich zufällig ein paar Kerbeborsch in der Jägerstube. Man redete sehr viel dummes Zeug, z.B. über das gerade in Mode gekommene "Flitzen". Nach einigem hin und her sagten einige: "Das können wir auch"! Sie wurden milde belächelt und verspottet, worauf sich vier Kerbeborsch bereit erklärten, es gegen eine kleine Wette zu tun. Roland Müller, Winfried Löw, Thomas Sigg und Lothar Gutzeit wetteten siegessicher 5 Fässer Bier, a´ 30 Liter, gegen die vermeindlichen Flitzer Siegfried Ambros, Werner Völker, Norbert Nietzig und Horst Hartmann. Diese wollten nun nackt um die vier Ecken laufen. Nach einigem Zögern standen die vier auf und begannen sich auszuziehen.

Sie standen da, nur mit einer Unterhose bedeckt,
darunter lag des Mannes Zierde noch versteckt,
ein Ruck, ein Schrei - nun war alles frei,
die Beine in die Hand genommen
und nackt durch Langenhain geschwommen*.

(*Die Flitzer sind natürlich gelaufen, es reimt sich aber so besser. Der Dichter bittet um Nachsicht.)

Die Flitzer liefen über die Gartenfeldstrasse, wo ihnen Thomas Sigg nachlief und "Kontrolle - Kontrolle" rief, weiter über die Sportplatzstrasse und Hofheimer-Strasse zurück in die Jägerstube. Dort warteten die anderen Kerbeborsch mit leicht hängenden Köpfen, doch lachenden Gesichtern auf die frierenden Flitzer.

Flitzer-Time in Langenhain - Teil 2

Man schrieb den 5. Mai anno Domini 1974, als sich ein noch größeres Spektakulum in Langenhain ereignete. Die Kerbeborsch trafen sich wieder in der Jägerstube, wo noch viel über die Flitzerrei gelacht wurde. Wieder kam eine Wette auf. Diesmal sollte aber in eine Wirtschaft gelaufen werden. Von Bernhard Winhold, Winfried Löw, H. Fischer und Norbert Nietzig wurden jeweils 1 Faß Bier zur Verfügung gestellt. Als Wirtschaft wurde der Wiesenblick (auch Busenblick genannt) ausgesucht und die Flitzer wurden vom Wirt angekündigt. Die drei zogen sich aus, liefen zum Wiesenblick und bestellten für jeden ein Bier und einen Asbach.

Eine ältere Dame mit ihrer Tochter verließ fluchtartig die Gaststätte, als sie die drei nackten Männer sah. Durch eine Warnung konnten sich die Flitzer noch in letzter Minute vor der Polizei retten. Wieder in der Jägerstube angekommen, erkundigte sich Bernhard Winhold, ob alles zur Zufriedenheit erledigt wurde. Nach dem "Okay" aus dem Wiesenblick ließen sich die drei Flitzer feiern.

Und die Moral von der Geschicht,
traue einem Kerbeborsch nicht,
denn er könnte etwas tun,
das lässt dich nicht mehr ruhn.

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...es wurde sogar dokumentiert!

Auszug aus der Kerbechronik von 1982 (Christof Schuhmacher)

Kerbesamstag 1982

Wir trafen uns gegen 08:00 Uhr an der Turnhalle, um die einzelnen Gruppen einzuteilen und loszuschicken. Die drei jungen Kerbeborsch hatten Bier und Fleischwurst mitgebracht, so daß wir uns erst einmal stärken konnten. Die Jungen fingen an das Loch für den Baum zu graben, die Baumfäller zogen in den Himbumer Wald um den Baum zu fällen. Eine andere Gruppe machte den Mottowagen fertig und der Kerbevatter und Kassierer fuhren los, um die Blumen für die Blumenverlosung zu holen. Gegen 10:00 Uhr trafen auch die Kerbemädchen ein und wir stellten mit Ihnen die Tische im Saal. So gegen 12:00 Uhr fuhren wir dann zum Mittagessen in die Jägerstube. Nachdem wir dort gegessen und auch schon wieder recht gut getrunken hatten, ging es los in den Wald um den Baum zu holen. Dies war wie immer nicht so sehr einfach. Aber mit vereinten Kräften konnten wir ihn auf die Straße schaffen und mit ihm in Richtung Langenhain los fahren. Nach der obligatorischen Fahrt durchs Dorf kamen wir gegen 15:00 Uhr an der Turnhalle an, wo er von den Mädchen geschmückt wurde. Unter tatkräftiger Hilfe von einigen Alt-Kerbeborsch konnte er unter Stöhnen und Ächzen aufgestellt werden. Danach wurden in der Turnhalle noch ein paar Biere und Asbach abgeschüttet, so daß wir gegen 18:00 Uhr zu hause waren um uns etwas frisch zu machen. So nach und nach trafen dann alle Kerbeborsch und Kerbemädchen in der Turnhalle ein, in welcher man um 22:00 Uhr vollzählig versammelt war und dem Ereignis der Kerberöffnung entgegen fieberte. Um 24:00 Uhr war es dann endlich soweit und die Kerb wurde mit einem Extratanz der Kerbeborsch und Mädchen eröffnet. Danach war die Stimmung so gut,daß bis in die frühen Morgenstunden getanzt, gefeiert, gesungen und gesoffen wurde.

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Ehemalige Kerbemädchen und Kerbeborsch in Aktion

Langenhainer Kerbeväter von 1945 bis 2018

1945 Völker Heinz   1990 Lich Alexander
1946 Völker Heinz 1991 Kunze Holger
1947 Löw Otto 1992 Kunze Holger
1948 Völker Werner 1993 Kunze Holger
1949 Wassum Hans 1994 Kunze Holger
1950 Wassum Hans 1995 Schleunes Marcus
1951 Auth Heinz 1996 Schleunes Marcus
1952 Bohrmann Heini 1997 Stang Rüdiger
1953 Schuhmacher Waldo 1998 Schleunes Marcus
1954 Schuhmacher Waldo 1999 Schleunes Marcus
1955 Lorenz Hans 2000 Tillmann Sven
1956 Lorenz Hans 2001 Tillmann Sven
1957 Heller Reinhard 2002 Tillmann Sven
1958 Löw Willi 2003 Tillmann Sven
1959 Heller Günter 2004 Tillmann Sven
1960 Heller Günter 2005 Müller Kai
1961 Heller Günter 2006 Müller Kai
1962 Praxel Hans 2007 Müller Kai
1963 Praxel Hans 2008 Porcher Mario
1964 Praxel Hans 2009 Porcher Mario
1965 Kern Dieter 2010 Porcher Mario
1966 Praxel Hans 2011 Porcher Mario
1967 Praxel Hans 2012 Rübsamen Philipp
1968 Mohr Friedel 2013 Rübsamen Philipp
1969 Praxel Hans 2014 Blecher Michael
1970 Praxel Hans 2015 Rübsamen Philipp
1971 Köhler Rolf 2016 Rübsamen Philipp
1972 Müller Roland 2017 Rübsamen Philipp
1973 Müller Roland 2018 Moeller Sebastian
1974 Wassum Horst   2019 ? ?
1975 Völker Werner   2020    
1976 Löw Winfried        
1977 Ambros Siegfried        
1978 Ambros Siegfried        
1979 Heller André        
1980 Marzin Peter        
1981 Lauck Thomas        
1982 Winhold Andreas        
1983 Marzin Peter        
1984 Schneider Ingo        
1985 Lorenz Achim        
1986 Nöth Oliver        
1987 Lorenz Achim        
1988 Schneider Gregor        
1989 Aporta Mario        

 

 

1975
Die ehemaligen Kerbeväter im Jahr 1975

 


Die Texte stammen aus der Festschrift "250 Jahre Kirchweih" unter Mitwirkung von: Silke Kattin, Christiane Kunze, Roland Müller, Marcus Schleunes, Christof Schuhmacher und Wolfgang (Schubi) Schuster. Des weiteren bedanken wir uns für die Bildabzüge bei Roland Schaub sowie bei allen, die uns freundlicherweise mit Bildmaterial versorgt haben.